Hitchcock im Garten? - Teil 3

Amseltatort-klein-02Es wird heißer und heißer. 9 Uhr. 10 Uhr. Hm, ob das Vogeljunge nun davon gehüpft ist? Das Thermometer zeigt schon 25 Grad Außentemperatur. Es hilft nix, ich muss noch mal nachgucken.



Eigentlich habe ich nicht wirklich das Bedürfnis, mir meine Erdbeeren anzuschauen. Der Magen regt sich wieder, auch die Knie grüßen schon wieder leicht zittrig. Ich schleiche mich an und - sehe nichts! Erst mal atme ich durch und richte mich auf. Sollte es gut gegangen sein? Plötzlich nehme ich merkwürdige glucksende Geräusche war.

Aus dem Kirschlorbeer 3 m weiter mache ich die Warnrufe der Amseleltern aus. Das kann nichts gutes bedeuten. Mein Blick wandert vom Busch wieder ins Beet, kann aber nichts sehen. Eine ganze Weile suche ich mit den Augen die Reihen ab, wobei ich versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen. Gerade als ich aufgeben will, sehe ich das Junge: Es hockt jetzt außen an der Längsseite auf dem Netz. Na super! Ich kann noch nicht mal ausmachen, ob es nur drauf sitzt oder wieder festhängt. Ganz ganz supervorsichtig mache ich einen Schritt auf die Knopfaugen, die mich scharf beobachtend anschauen, zu. Sofort bricht die schlimmste Fliegerattake los, die Gensingen je erlebt hat! Beide Amseleltern stürzen aus ihrem Versteck und auf mich zu. Aaaaaahh, Hilfe, ich kann nur noch flüchten. Wahnsinn! Das ist Elternliebe!

Mir bleibt nur der Rückzug in drei Sätzen. Mit Riesenschritten flüchte ich auf die Terrasse bzw. ins Haus. Ich weiß nicht mehr weiter und beschließe auf meinen Mann zu warten, der zum Mittagessen wieder daheim sein wollte.

11 Uhr. 12 Uhr. 29 Grad Außentemperatur. Die Vogeltränke steht 1,5 m weiter zwischen Erdbeeren und Kirchlorbeer. Das ist ja Folter, wenn das Junge da hockt, Durst hat und auf die Tränke starrt. Okay, wenigstens etwas Wasser will ich ihm hinstellen. Ein Blumenuntersetzer dient mir als Vogeltränke. Ich fülle ihm mit Wasser und schleiche mich nun zum 3. Mal zum Tatort. Ups, wo isses denn? Wieder suche ich im und um das Beet herum nach dem Vögelchen. Aber ich kann es nirgends ausmachen. Ich höre auch die Eltern nicht. Hm. Sollte es sich jetzt doch gerettet haben? Ich stelle die Mini-Tränke ab und gehe unverrichteter Dinge wieder ins Haus. Essenkochen steht an. Also, volle Konzentration darauf.

Über die Mittagszeit bin ich anschließend so abgelenkt, dass mir erst am Abend die Geschichte wieder einfällt. Ich war unterwegs gewesen, komme Heim und will meinem Mann davon erzählen. Gerade als ich Luft hole um anzusetzen, legt er los: Du, ich habe ein Vögelchen tot aus dem Erdbeernetz geborgen.

Aus! Vorbei! Mir wird schlecht! So ein Mist! Ich bin traurig und fühle mich schuldig. Wie schade. Klar, Gedanken wie "hätte ich doch heute Mittag schon was gesagt" bevölkern meinen Kopf.

Es nutzt alles nichts. Ich muss mich damit abfinden. Es tut mir wirklich leid um das Vögelchen. Ich weiß aber auch, dass ich alleine gegen die Eltern nichts hätte ausrichten können. Brutal ausgedrückt, könnte man sagen: Elternliebe kann auch tötlich sein.

Nun überlege ich, ob ich nächstes Jahr das gleiche Netz wieder über die Erdbeeren mache oder ein anderes oder überhaupt keins. Wir werden sehen ... Embarassed